
Renate Payer
Bildung und außerschulische Jugendbetreuung (MA 13)
"Zeichnen lernen ist so wichtig wie lesen und schreiben"
Zur Person: Renate Payer
Sie ist in Tadten, Burgenland geboren. Sie hat die Handelsschule angefangen und dann lieber Konzeptkunst in Linz fertig studiert. Heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Wien. Kulturarbeit im sogenannten "dritten Sektor" (Projekte mit Schulen, sozialen und karitativen Organisationen) ist für die engagierte Malerin eng mit ihrer eigenen künstlerischen Arbeit verbunden. "Das eine bedingt das andere", sagt sie, "so versöhne ich für mich die Malerei mit der Konzeptkunst". In ihrem Atelier bietet sie nicht nur Workshops an, sondern organisiert mit ihrem Verein "Public Art" eigene Projekte zur Förderung von Kinderkunst. Demnächst werden die gesammelten Payerschen Erfahrungen in Sachen Kunst & Kind als Lehrmittelbox zum Nachschlagen und Nachmachen erscheinen.
"Zeichnen lernen ist so wichtig wie lesen und schreiben"
Wie die eigene künstlerische Arbeit sich optimal mit Kulturarbeit im dritten Sektor ergänzt und warum es für Kinder wesentlich ist, ihre Kreativität zu entdecken - ein Gespräch mit der Malerin und Konzeptkünstlerin Renate Payer.
Lässt sich Kunst vermitteln?
"Wozu soll ich überhaupt zeichnen?", hat mich einmal ein Mädchen gefragt, "ich werde später einmal Sekretärin wie meine Mutter, da brauche ich das nicht." Freilich geht es nicht darum, dass jeder Künstler werden soll. Ein Bild muss auch kein perfektes Abbild sein. Bei der Beschäftigung mit Malerei geht es darum, die eigene Empfindung zuzulassen, die Wahrnehmung zu schärfen, eine Ausdrucksweise zu finden. Jeder verfügt über Kreativität und es ist wichtig, sich dafür zu öffnen und das schätzen zu lernen. Das Vertrauen in die eigene Kreativität zu fördern, ist gerade bei Kindern ganz wichtig. Sie lernen, dass sie Fähigkeiten haben, die sich nicht nur in Schulnoten messen lassen. Solche Erlebnisse können das Selbstvertrauen, vor allem bei "schwierigen" SchülerInnen, enorm stärken. Dass Kinder lernen, sich künstlerisch auszudrücken, ist genauso elementar wie lesen und schreiben. Heutzutage stehen Kinder und Jugendliche unter einem derartigen Druck und sie brauchen Ventile. Kunst kann ein Ventil sein, wo sie etwas rauslassen und zulassen.
Wie vermitteln Sie Kunst an Schulen?
Grundsätzlich gehe ich nicht an Schulen. Ich lade SchülerInnen zu mir ins Atelier ein. Der Raum hat immer eine enorme Wirkung: Die Kinder staunen, schauen sich meine Bilder an, spüren ganz einfach, dass hier konzentriert gearbeitet wird und dass sie da zu Gast sind.
Meistens arbeiten wir zu einem Thema - beispielsweise Umwelt oder Fremdenfeindlichkeit. Oft gehen wir fächerübergreifend an das Projekt heran, eine "Kindergalerie" fand unter dem Motto "Gestaltung und Bewegung" statt, "Barock heute" war eine Zusammenarbeit zwischen BE und Geschichte.
Wenn das Thema fest steht, stelle ich im Atelier alle Materialien zur Verfügung - es gibt Internet, Bücher, Lexika, Zeitschriften und die Malutensilien. Am liebsten ist mir, die Kinder kommen völlig unvorbereitet. Und wir können ohne vorgefertigte Bilder im Kopf beginnen, uns mit dem Thema auseinander zu setzen.
Was passiert dann?
Die Jugendlichen lernen, wie sie sich Informationen holen, das gesammelte Wissen verbinden, sich dazu eine eigene Meinung bilden, und schließlich: Wie sie ihre Erkenntnisse in einem anderen Medium ausdrücken und ihre Erfahrungen visuell darstellen. Da wird ein unglaublicher Lernprozess in Gang gesetzt.
Wie sehen Sie Ihre Rolle bei diesem Prozess?
Ich stelle zur Verfügung, ich moderiere, ich lasse zu, ich ermögliche.
Welche Bedeutung hat die Arbeit mit Kindern für Ihre künstlerische Tätigkeit?
Das ist unglaublich bereichernd und geht automatisch in meine eigene Arbeit über. Etwa die Hälfte meiner Arbeitskapazität ist für eigenständige künstlerische Tätigkeit reserviert, die andere Hälfte fließt in "Public Art"-Projekte. Im Schnitt mache ich 40 bis 50 Workshops pro Jahr. Für mich ist das wie Feldforschung: Welche Themen sind im Raum? Was interessiert Kinder in welchem Alter?
Wie hat sich ihre Tätigkeit als Kulturarbeiterin im Lauf der Zeit entwickelt?
Das hat sich verselbstständigt. Begonnen habe ich mit Workshops für Volksschulen. Bald habe ich gemerkt, dass es eigentlich an allen Schulstufen und Schultypen einen großen Bedarf an Kunstworkshops gibt. Das ist richtig explodiert. Irgendwann war es mir zu wenig, nur Workshops anzubieten. Dann habe ich begonnen, Themen aufzugreifen, eigene Konzepte zu entwickeln und den Schulen anzubieten. Auf diese Weise habe ich Projekte initiiert, die mittlerweile von den LehrerInnen ohne meine Unterstützung umgesetzt werden. Auch aus sozialen Bereichen gab es schon Anfragen. Ich habe Workshops mit obdachlosen Frauen gemacht oder mit Frauen, die Essstörungen haben. Das waren intensive Erfahrungen, die ich wahrscheinlich nicht gemacht hätte, wenn ich nur für mich allein im Atelier gearbeitet hätte.
